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Wirtschaft klagt über Bildungsniveau von Pflichtschülern

Wirtschaft klagt über Bildungsniveau von Pflichtschülern„Seit Jahrzehnten diskutiert die Politik über eine Reform des Bildungswesens. Erreicht wurde aber bisher praktisch nichts“, sagt Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. „Wir müssen unser Schulsystem an die aktuellen Herausforderungen im 21. Jahrhundert anpassen und die Schulabsolventen konkurrenzfähiger machen“ so Jank in Richtung der Bildungspolitiker.

Aktuelle Zahlen aus dem nationalen Bildungsbericht 2009 bestätigen die Forderung der WK Wien nach einer raschen Reform: Bei den PISA-Ergebnissen steht Österreich nur mittelmäßig da. Rund 20 Prozent der Pflichtschulabgänger verfügen nur über geringe Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen:  Sie können nicht sinnerfassend lesen oder einfache Rechenaufgaben lösen. Auch bei den Bildungsausgaben sieht es im internationalen Vergleich wenig rosig aus: „Obwohl die Ausgaben pro Schüler zu den höchsten im OECD-Vergleich liegen, sind die Erfolge bescheiden“ so Jank.  So kostet ein Schüler pro Kopf in Österreich im Durchschnitt aller Schultypen rund 7.051 Euro pro Jahr, das ist um 39% mehr als im Durchschnitt der EU 25 (Werte 2005 kaufkraftstandardisiert – nationaler Bildungsbericht 2009)

„Bildung bringt bessere Chancen für unsere Jugendlichen und die Wirtschaft gleichermaßen. Ohne bestqualifizierte und geeignete Mitarbeiter gibt es weder Innovationen noch Kreativität“, so Jank. „Von selbst können sich die Schulen nicht reformieren. Sie sind Gefangene eines Systems aus längst vergangenen Tagen.“

Jank fordert daher die Politik auf, das österreichische Bildungssystem aus seiner Paralyse zu befreien und das Bildungsniveau zu verbessern. „Das durchschnittliche Niveau der Pflichtschulabsolventen ist absolut unzureichend. Viele Unternehmer haben große Probleme, gut ausgebildete Lehrstellenbewerber zu finden – und es wird immer schwieriger“, so Jank, die vor allem bei der Lehrerausbildung, bei der inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts und bei den Lernmethoden Verbesserungsmöglichkeiten sieht.

„Die Schulverwaltung muss dringend reformiert werden“, sagt Jank. Sie begrüßt daher die Ankündigung der Bundesregierung, diese Fragen endlich anzugehen. Ein Zeitplan wurde allerdings nicht genannt. „Den Worten müssen Taten folgen“, fordert Jank, denn die Doppelgleisigkeiten von Bundes- und Landesschulen, unterschiedliche Besoldungsschemen und ein Wirrwarr an Kompetenzen kostet den Staat laut Expertenschätzung bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr. „Dieses Geld ist für Bildung sinnvoller auszugeben“, sagt Jank.

Die Forderungen der WK Wien im Detail:

>> Schulverwaltung und Schulmanagement
•    Klare Verantwortungsbereiche und Zuständigkeiten für Schulleitung und Schulaufsicht
•    Ausbau der personellen und finanziellen Schulautonomie gekoppelt mit regelmäßiger externe Evaluierung der Ergebnisse
•    Qualifizierung der Schulleiter für Managementaufgaben
•    Einheitliches Dienst- und Besoldungsrecht für alle Lehrer
•    Leistungsorientierte Gehaltsbestandteile für Lehrer

>> Besseres Arbeitsumfeld für Lehrer und Schüler
•    Flächendeckendes Angebot von ganztägigen Schulformen mit entsprechender Infrastruktur
•    Anpassung der Betreuungszeit an die Bedürfnisse von berufstätigen Eltern
•    Moderne Arbeitsplätze für Lehrer, damit diese ihren Beruf wirklich an der Schule ausüben können

>> Aus- und Weiterbildung der Lehrer
•    Verstärkte Eignungsprüfung in der Studieneingangsphase für Pädagogen
•    Verpflichtende Weiterbildung von Lehrern in der unterrichtsfreien Zeit
•    Festlegung der Weiterbildungsinhalte gemeinsam mit dem Schulleiter
•    Aus- und Weiterbildungsangebote die den neuen Anforderungen (z.B. Migration) gerecht werden

>> Qualitätssicherung im Unterricht
•    Individuelle Begabungen durch Differenzierung im Unterricht besser fördern
•    Bildungsstandards an den Nahtstellen (3./4. und 7./8. Schulstufe) als Mindeststandards: Jeder Schüler muss eine Mindestqualifikation haben.
•    Notengebung durch nachfolgende Bildungsstufen evaluieren und feedback an die Schulen und Lehrer
•    Förderung des Unternehmergeistes bei den Schülern, etwa durch Anbieten des Unternehmerführerscheins der Wirtschaftskammer

>> Bildungs- und Berufsorientierung
•    Bildungs- und Berufsorientierung als eigenes Fach in der AHS
•    Berufsschnuppern generell in der 9. Schulstufe ermöglichen
•    Verpflichtende Betriebspraktika für alle Lehrer in Ausbildung
•    Einsatz von Unternehmern/Managern zur Berufsorientierung
•    Finanzierung von Beratung und Potenzialanalysen in anerkannten Einrichtungen
•    Forcierung von Projekten, die Interesse an Technik und Naturwissenschaften wecken bereits in der Volksschule

>> Basisausbildung auch für Erwachsene sicherstellen
•    Nachholen des Hauptschulabschlusses soll auch für Erwachsene kostenlos sein
•    Bildungsberatung für Erwachsene auf niederschwelligem Niveau, speziell auch für Migranten

„In einer wissensbasierten Gesellschaft ist lebenslange Aus- und Fortbildung für den Erfolg unserer Wirtschaft schlicht notwendig. Die WK Wien hat bereits vor über 150 Jahren den Stellenwert guter Ausbildung erkannt und die ersten Weiterbildungseinrichtungen gegründet“, sagt Jank. „Leider hinkt das staatliche Schulsystem den modernen Anforderungen hinterher. Eine mutige Bildungsreform ist daher das Gebot der Stunde. Der Leidensdruck in Österreich ist mittlerweile so groß, dass das Thema nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden kann“.

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