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Nachhaltige Jugendhilfe: Gesundheitsförderungsprojekt „Careleaver“

Vier Bundesländer sind am neuen Projekt „Welcome to Life“, einer Initiative des Dachverbandes der Österreichischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ) beteiligt. Die Auftaktveranstaltung in Tirol fand am 19. Mai 2016 im Beisein zahlreicher Vertreter aus dem Bereich der Tiroler Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen statt.

Dr. Hubert Löffler, Geschäftsführer des DÖJ: „Neben dem Fonds Gesundes Österreich unterstützt das Land Tirol das Projekt Careleaver finanziell und trägt damit wesentlich dazu bei, dass auch junge Tirolerinnen und Tiroler aus stationären Einrichtungen in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden effiziente, qualifizierte und menschliche Unterstützung erhalten.“

Careleaver sind junge Menschen aus der Betreuung von Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, die, so sieht es die Jugendhilfe vor, mit 18 Jahren aus der Betreuung entlassen werden und ab diesem Zeitpunkt gefordert sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Zumeist ohne familiärer Unterstützung in Form von emotionalen Beziehungen sowie materiellen Hilfen und ohne tragendem sozialen Netz.

Jugendliche in die Selbständigkeit begleiten

„Das Projekt ‚Careleaver‘ ist eine Chance für Nachhaltigkeit der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ so Dr. Reinhard Halder, Geschäftsführer der Jugendland GmbH und Careleaver-Regionalkoordinator für Tirol. „Im Durchschnitt verlassen junge Menschen das Elternhaus mit 25 Jahren, werden aber sowohl beim Start in das eigenständige Leben und vielfach noch viele Jahre darüber hinaus von den Eltern unterstützt. Sei es bei der Kaution für die Wohnung oder den Möbelkauf bis hin zu Ausbildungskosten und dem wichtigen Bereich der Beziehung und emotionalen Unterstützung. Das fehlt bei jungen Menschen die mit 18 aus der stationären Betreuung entlassen werden. Das Projekt Careleaver will jungen Menschen, die schon von Kind an benachteiligt sind, auf dem Weg in die Verselbständigung Unterstützung bieten.“

Jugendhilfe: Land Tirol leistet wesentlichen Beitrag

Landesrätin Dr. Christine Baur zeigte sich erfreut „das Projekt nach Tirol geholt zu haben. Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein so zentraler Bereich und das Projekt hat einen unendlichen Wert. Dass das Projekt doch maßgeblich aus dem Gesundheitsbereich mitfinanziert wird zeigt, wie wichtig ein gesamtheitliches und langfristiges Denken ist. Gerne sage ich meine Unterstützung zu, den Blickwinkel für diesen Bedarf an Unterstützung zu erweitern.“ Zwei Drittel der Tiroler Projektkosten trägt der Fonds Gesundes Österreich, ein Drittel finanziert das Land Tirol.

Gesundheitsförderung durch Chancengerechtigkeit

„Der Fonds Gesundes Österreich hat erkannt, dass Gesundheit mit Chancengerechtigkeit zu tun hat und soziale Kontakte die Gesundheit ganz wesentlich beeinflussen und mindestens genauso wichtig sind wie gesunde Ernährung oder gesunder Lebensstil. Dagegen bringen Armut und existenzieller Stress negative gesundheitliche Folgen mit sich“, wusste Dr. Hubert Löffler die finanzielle Beteiligung seitens des öffentlichen Gesundheitsbereichs zu erklären.

Das vorerst für zweieinhalb Jahre gesicherte Projekt wird wissenschaftlich begleitet. In Tirol wird eine enge Zusammenarbeit mit der UMIT in Hall angestrebt. Mag. Julia Plank, Projektleitung Jugendland-Careleaver: „Eine Masterarbeit zur Projekt-Evaluierung wäre eine win-win-Situation für beide Seiten.“

Praktische und lebensnahe Angebote in der Jugendhilfe

Für Dr. Reinhard Halder, Jugendland-GF und Careleaver-Regionalkoordinator ist Partizipation der Jugendlichen „ein sehr wichtiger Teil des Projekts. Wir wollen Vernetzungsmöglichkeiten bei gemeinsamen Treffen initiieren, individuell passende Unterstützungsangebote bieten und in Workshops praktisch-nützliches Wissen vermitteln.“

Nachhaltige Jugendhilfe als Beitrag zur Gesundheitsförderung

(v.l.) Dr. Reinhard Halder (Jugendland-GF und Careleaver Regionalkoordinator Tirol), Mag. Julia Plank (Projektleitung Jugendland-Careleaver) und (rechts außen) Dr. Hubert Löffler (GF Dachverband Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen und Projektleiter Careleaver Österreich). Bildmitte die beiden Careleaver Hossain Rezaie (wird derzeit vom Jugendland beim Übergang in die Verselbständigung betreut) und Nicole Ortner (hat den Weg vom Careleaver in ein eigenständiges Leben mit Berufsausbildung zur Bürokauffrau – bestanden mit „ausgezeichnetem Erfolg“ – mit Unterstützung aus dem Jugendland bereits geschafft).

Vorbereitung – Kontaktpflege – Vernetzung

Der Projektablauf ist grob in drei Module gegliedert, skizzierte Löffler das Konzept:

Modul 1: Eine intensivere Vorbereitung auf die Selbständigkeit noch während der stationären Betreuungszeit. „Die jungen Menschen sollen erfahren, was normales Leben wirklich bedeutet.“

Modul 2: Den Kontakt zu Careleavern weiter zu pflegen. In Gruppen und einzeln.

Modul 3: Das nachfolgende Hilfesystem, das für Erwachsene besteht, passt nicht zur Situation der Careleaver. Hier gilt es, den Bedarf und Vernetzungsmöglichkeiten zu erheben.

„Willkommen im realen Leben“

„Weg vom Säulendenken“, so die Forderung der Einrichtungen der Jugendhilfe. „Mit relativ geringem Aufwand das absichern, was bisher geleistet und investiert wurde. Es macht keinen Sinn, Folgekosten z. B. von der Jugendwohlfahrt auf eine andere Institution zu übertragen, ob Gesundheitswesen, Gericht oder Justiz. In Summe muss stets die Gemeinschaft dafür aufkommen.“