Lehrlingsausbildung: Wunsch und Wirklichkeit

In einer Exklusiv-Umfrage unter 1.000 Jugendlichen erhob die Niederösterreichische Arbeiterkammer, wie weit Wunsch und Wirklichkeit bei der Berufswahl übereinstimmen. „Das Ergebnis ist ernüchternd: Jeder dritte Lehrling gab an, eigentlich einen anderen Beruf erlernen zu wollen, oder keinen Platz an einer weiterführenden Schule gefunden zu haben“, so AKNÖ-Präsident Josef Studinger.

Das Bildungsangebot für junge NiederösterreicherInnen kann mit der Nachfrage nach Bildungs- und Ausbildungsplätzen nicht Schritt halten. Jeder dritte Lehrling machte aus der Not eine Tugend und erlernt einen Beruf, der nicht seinem Wunschberuf entspricht. AKNÖ-Bildungsexperte Günter Kastner: „Entweder es war im gewünschten Lehrberuf keine Lehrstelle frei oder die Anfahrtswege waren zu lang.“ Von den Jugendlichen, die im Lehrberuf unglücklich sind, gab wieder jeder dritte an, nur deshalb in die Lehre zu gehen, weil es an einer weiterführenden Schule keinen Platz gegeben hatte.

Jeder zweite Einzelhandelslehrling will anderen Beruf lernen

Besonders dramatisch ist die Fehlausbildung im Einzelhandel: 54 Prozent der VerkäuferInnen gaben an, lieber einen anderen Beruf erlernen zu wollen. Auch unter diesen meist weiblichen Jugendlichen blieb der Wunsch nach einem höheren Schulabschluss für viele unerfüllbar. AKNÖ-Experte Günter Kastner: „Wer den Jugendlichen vorwirft, dass sie in nur wenige Berufe drängen, liegt zu einem Großteil falsch. Sie drängen nicht in diese Berufe, es mangelt an Alternativen. Viele werden in Wahrheit hineingedrängt.“ In technischen Berufen ist die Zufriedenheit mit der Berufswahl
wesentlich größer: Nach der großangelegten Umfrage sind 83 % mit der Lehrstelle zufrieden. Junge Männer finden eher ihren Wunschausbildung
als junge weibliche Schulabgänger. „Allerdings ist das Gedränge um die begehrten Ausbildungsplätze in den technischen Berufen auch sehr
groß“, stellte Bildungsexperte Kastner fest.

2.000 Jugendliche suchen betrieblichen Ausbildungsplatz

Trotz großzügiger Förderungen fehlen in Niederösterreich 2.000 betriebliche Lehrstellen. Über 1.000 Jugendliche befinden sich in AMS-Schulungen, 839 Jugendliche sind zurzeit auf Lehrstellensuche. AKNÖ-Präsident Staudinger: „Das sind um 300 mehr als vor drei Jahren und gleich viel wie im März des Vorjahres. Deshalb halten wir an der Forderung nach überbetrieblichen Berufsausbildungseinrichtungen fest.“ Auch das System der Förderungen sollte überdacht werden. Die AKNÖ verlangt, dass nur noch Lehrstellen in Berufen mit guten Zukunftschancen so großzügig wie bisher gefördert werden sollten.