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Kulturelle Vielfalt richtig managen – die neuen Herausforderungen der globalisierten Arbeitswelt

Im Arbeitsalltag begegnen wir heutzutage fast unweigerlich Menschen aus anderen Ländern und Kulturen. Wie gehen wir mit kultureller Vielfalt am Arbeitsplatz um? Wie kann sie in Unternehmen genutzt werden? Karin Schreiner sensibilisiert in ihrem neuen Buch „Kulturelle Vielfalt richtig managen – die neuen Herausforderungen der globalisierten Arbeitswelt” (Verlag Fischer & Gann, 2017) für die täglichen interkulturellen Begegnungen in Beruf und Arbeit, sie zeigt kulturell typische Verhaltensweisen auf, veranschaulicht die komplexe Thematik des einander Verstehens und eröffnet neue Sichtweisen. Fallbeispiele und Tipps zeigen Wege auf, wie interkulturelle Situationen im Arbeitsalltag gut bewältigt werden können. Dabei beleuchtet sie insbesondere die drei Bereiche Bildung, Gesundheit und Business.

Kulturelle Vielfalt ist eine Tatsache

Unter dem Aspekt der Internationalisierung und Wirtschaftlichkeit setzen Unternehmen zahlreiche strukturelle Maßnahmen, die kulturelle Vielfalt positiv nutzen, wie eine Führungskraft eines großen Transportunternehmens berichtete: „Ja, ich sehe mich als Role Model. Das Thema hat in meinem Umfeld Schule gemacht. Mittlerweile möchten andere Führungskräfte auch ein interkulturelles Coaching machen.“ Eine andere Führungskraft erzählte: „Unser Unternehmen erweitert sich ständig. Wir haben mittlerweile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über sechzig Nationen. Wir wollen natürlich, dass sie sich hier wohlfühlen und versuchen alles zu tun, um sie gut zu unterstützen, vor allem in der Anfangsphase. Interkulturelle Trainings gehören dazu.“

Kulturelle Vielfalt im Arbeitsalltag ist eine Ressource, und um mit ihr konstruktiv umzugehen, benötigen Führungskräfte kulturelles Bewusstsein und situative Verhaltensflexibilität. Wie etwa eine finnische Führungskraft in einem globalen Unternehmen in Wien: „In den Seminaren, die ich zur Stärkung von Führungskompetenz absolvierte, lernte ich, ich solle möglichst keinen Konjunktiv verwenden, da dieser Unsicherheit ausdrückt. Hier in Wien soll ich aber im Konjunktiv sprechen, vor allem, wenn ich jemanden um etwas ersuche. Bei meinem Team muss ich jedoch in bestimmten Situationen sehr explizit sein, um eine Dringlichkeit auszudrücken. Ich lernte hier, sehr zu differenzieren, wann ich welchen Stil einsetzen muss.“


BILDUNGaktuell-Buchtipp

Kulturelle Vielfalt managenKulturelle Vielfalt richtig managen – die neuen Herausforderungen der globalisierten Arbeitswelt” (Karin Schreiner; Verlag Fischer & Gann, 2017)

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Realität wird nicht gelebt

An Universitäten, Fachhochschulen sowie internationalen und bilingualen Schulen, dort wo ein Internationalisierungsauftrag gegeben ist, wird kulturelle Vielfalt professionell unterstützt. Im Pflichtschulbereich wird sie jedoch häufig als Belastung für das System gesehen. So kommt es, dass die Strukturen vieler Pflichtschulen auf monokulturelle und monosprachliche Schüler ausgerichtet sind. Viele Ressourcen, die Unternehmen als Bereicherung und Nutzenfaktor betrachten, werden in der Schule nicht genutzt. Zum Beispiel die Sprachenvielfalt und Bikulturalität, wie eine Direktorin berichtete: „Meine Lehrerinnen und Lehrer sind mit der Situation in den Schulklassen überfordert. Sie wissen nichts über Interkulturalität, über die Vorzüge von Mehrsprachigkeit oder Bikulturalität. Aber ich kann es ihnen nicht vorwerfen. Sie werden nicht dazu ausgebildet, mit diesen Themen umzugehen.“

Zum Thema Respekt gegenüber Lehrerinnen, das immer wieder zur Sprache gebracht wird, erzählte eine Bildungsexpertin: „Die Lehrenden müssen ihre eigene Autorität entgegensetzen. Sobald man einen Riegel vorschiebt und so ein respektloses Verhalten ganz klar zurückweist, funktioniert es. Die meisten Väter akzeptieren die Autorität einer Lehrerin, wenn diese klarstellt, dass sie jetzt dafür zuständig ist und dass das bei uns so ist und respektiert werden muss.“

Lösungen liegen in interkultureller Weiterbildung der Lehrenden und in interkulturellen Lernmodellen an Schulen. Dabei greift man die verschiedenen Sprachen und Wertehaltungen aus den Herkunftskulturen der Kinder auf und gliedert sie in den Unterricht ein. So wird die Vielfalt in der Klasse sichtbar gemacht und zur Normalität. Die Kinder lernen spielerisch, mit kultureller Vielfalt in positiver Weise umzugehen. Dazu gibt es eine Reihe positiver Beispiele.

Unterschiedliche Krankheitskonzepte

Wie wirkt sich der Migrationsprozess auf die Gesundheit aus? Warum ist der Aufbau transkultureller Kompetenz in den Gesundheitsberufen wichtig? Der Blick auf die Strukturen der Gesundheitseinrichtungen offenbart eine kulturelle Vielfalt sowohl bei Patienten als auch beim Personal – mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind Migranten.

Die gesundheitliche Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund stellt Ärzte und Pflegepersonal vor neue Herausforderungen. So ist beispielsweise eine differenzierte Betrachtung der strukturellen Rahmenbedingungen, die krank machen können, erforderlich. Speziell im Gesundheitssektor bezieht sich transkulturelle Kompetenz auf das soziale und kulturelle Umfeld von Patienten mit Migrationshintergrund.

Für Ärzte ist es besonders schwierig, ohne Zusatzausbildung mit der kulturellen Vielfalt der Patienten umzugehen: unterschiedliche Wertehaltungen, andere Auffassungen von Kranksein, andere Äußerungsformen von Schmerz, anderer Umgang mit der Betreuung kranker Angehörigen usw. Allerdings ermöglichen es die straffen Strukturen im Krankenhaus in Bezug auf Zeit und Leistungsanforderungen nicht, die Kultur der Patienten zu berücksichtigen, wie eine Ärztin erzählte: „Auf meiner Station versuche ich darauf einzugehen und als Ärztin Frauen aus islamischen Ländern zu übernehmen, wenn sie eine Frau bevorzugen. Da wir aber ein gemischtes Team sind, ist das nicht immer möglich. Dann kann es Probleme geben. Das Hauptproblem ist aber, dass es uns einfach an der Zeit fehlt, uns mit solchen Dingen auseinanderzusetzen. Der Arbeitsdruck ist so hoch, dass für die ‚Kultur’ keine Zeit bleibt.“ Die Lösung liegt in strukturellen Veränderungen, wie bereits einige Krankenhäuser und Arztpraxen zeigen: der kultursensible Umgang mit Patienten erfordert ein Umdenken.

Über die Autorin

Karin Schreiner / Foto: F. MaternKarin Schreiner, Dr. phil. MA, studierte Philosophie und Sozialanthropologie an der Universität Wien und Interkulturelle Kompetenzen an der Donau-Universität Krems. Sie verbrachte insgesamt 16 Jahre als Expatriate in Tschechien, Indien, Belgien, Finnland und China. Karin Schreiner lebt und arbeitet heute in Wien und ist interkulturelle Trainerin und Coach für internationale Unternehmen, Lektorin für interkulturelle Kommunikation & Management an den Universitäten Wien und Graz , den Fachhochschulen in Wien, Linz, Eisenstadt und Kufstein. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.
Zur Webseite der Autorin: www.iknet.at